Der westliche Teil der Insel Rügen

Der westliche Teil Rügens umfasst ein vergleichsweise weitläufiges Gebiet: Im Nordosten grenzt er an den Großen Jasmunder Bodden, im Nordwesten an die Halbinsel Wittow, westlich ist die Insel Hiddensee vorgelagert, und im Süden endet er an der gedachten Linie vom beinahe südlichen Ende des Großen Jasmunder Bodden zum Süden des Kubitzer Bodden.

Die gesamte Landschaft ist geprägt von leichten Anhöhen und sehr viel Wasser. Die wild zerklüftete Küste mit den vielen Buchten und Landzungen setzt sich im Landesinneren fort, und zwar mit Bächen, kleinen Seen und Sumpfgebieten. Dass eine solche Region zum bevorzugten Rast- und Nistplatz für viele Vogelarten geworden ist, liegt auf der Hand.  Wildgänse und Kraniche machen hier zweimal im Jahr Station, um sich für den langen Flug in den Süden Reserven anzufuttern oder nach dem Rückweg die verbrauchten Fettpolster wieder aufzufüllen – ein ganz besonderes Spektakel nicht nur für Vogelfreunde.

Überhaupt ist West-Rügen ein Paradies für Naturliebhaber. Die unberührte, großenteils geschützte Landschaft und die darin begründete Stille machen die Hektik des Alltags vergessen. Dennoch müssen die Urlauber nicht fürchten, auf sich allein gestellt in der Wildnis auskommen zu müssen. Im Gegenteil: Die vielen kleinen Ortschaften bieten Pensions- und auchHotelzimmer sowie Ferienappartments an, in denen der zeitgemäße Komfort durchaus gewährleistet ist, und die dabei ansprechend eingerichtet sind.

Die Vermieter in Rügens Westen bewirten ihre Gäste besonders herzlich; der Aufenthalt gestaltet sich zu einen echten Familienerlebnis. Individualität statt einstudierter Freundlichkeit, herzlicher Service und die Möglichkeit, am Leben der Bevölkerung teilzuhaben, locken immer mehr Gäste speziell in diese Region.

Den vermeintlichen Nachteil, dass nämlich West-Rügen für einen Badeaufenthalt ungeeignet sei, sehen die immer zahlreicher werden Urlauber in diesem Teil der Insel nicht als solchen an. Im  Gegenteil: Wer dem Strandleben frönen will, mag die angesagten Seebäder Rügens besuchen. Hier im Westen gibt es zwar auch eine Vielzahl an Seen und anderen Gewässern, aber die schilfbestandenen Ufer bleiben doch weitgehend den Tieren vorbehalten.

Ortschaften im Westen der Insel Rügen


An der Westküste Rügens befindet die kleine Ortschaft Schaprode. Sie liegt eingebettet in gleich vier verschiedene Boddengebiete. Zumindest den Besuchern der dicht vorgelagerten Insel Hiddensee ist diese Ortschaft auf Rügern bestens bekannt, legen im hiesigen Fährhafen doch die Schiffe dorthin ab. Übrigens bewältigen auch Taxiboote die mal eben 1.000 Meter Entfernung zwischen Rügen und seiner kleinen Schwester.

Wer Schaprode indessen lediglich auf den in der Tat sehenswerten Fährhafen begrenzt, tut der Gemeinde Unrecht. Sie zählt zu den ältesten Siedlungen  Rügens; immerhin gibt es eine erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 1193. Aus dieser ganz frühen Zeit sind zwar keine Bauten erhalten; aber die Johanniskirche stammt immerhin aus dem 15. Jahrhundert und ist ein ganz typisch gotischer Backsteinbau. Allerdings ist das Innere des hübschen Gotteshauses bereits dem Barock verpflichtet.

Und der historisch anmutende Ortskern Schaprodes ist geprägt von reetgedeckten Häuschen, die fast alle eine nähere Betrachtung verdienen. Denn die Haustüren sind mit üppigen Schnitzereien verziert, während die Wände vielfach Sinnsprüche aufweisen.

Einige der eingemeindeten Dörfer verfügen über ansehnliche Herrenhäuser, die ihre Türen auch für Fremde öffnen. Und im Udarser Wiek entstand ein Aussichtsturm, der speziell Vogelkundlern zur Verfügung steht.

Wer kein Interesse an der Insel Hiddensee hat, mag die Insel Ummanz besuchen. Sie liegt – so wie auch Schaprode – im Westen Rügens und ist über eine Brücke erreichbar. Überall ist die würzige Meerluft zu spüren; einige wie verstreut liegende Dörfchen verströmen das Flair des Unverbrauchten, Ursprünglichen. Der Hauptort Waase mit weniger als 200 Einwohnern verfügt über die einzige Kirche auf Ummanz. Das der Heiligen Maria geweihte Kleinod stammt aus dem 15. Jahrhundert und verfügt über einen der schönsten geschnitzten Altäre Rügens. Die Architektur erinnert an die geduckte Bauweise von Fischerkaten mit Reetdächern, die in Waase ebenfalls zu bewundern sind. Das Dach der Marienkirche ist allerdings mit Ziegeln belegt.

Östlich der Insel Ummanz und natürlich auf Rügen gelegen befindet sich das alte Handwerkerdorf Gingst. Diese Bezeichnung  resultiert aus der Tatsache, dass mittelalterliche Funde von 50 verschiedenen Handwerke seinerzeit zeugen. Heute trägt man diesem Umstand mit einem speziellen Museum  Rechnung. Die Historischen Handwerksstuben geben einen interessanten Einblick in die vielfältigen Erscheinungsformen dieser Zünfte speziell auf Rügen.

Vielleicht ist es dieser langen Tradition zu danken, dass in Gingst der Rügenpark entstanden ist. Dabei handelt es sich um eine Ausstellung, in der sich die bekanntesten Bauwerke dieser Erde im Verhältnis 1 : 25, also immer noch recht gewaltig, bewundern lassen. Um ebenfalls dem Standort Tribut zu zollen, findet der Besucher hier auch die Insel Rügen mit ihren markantesten Bauten. Wenn den Kids die Besichtigung zu langweilig wird, können sie sich auf etlichen Fahrgeschäften vergnügen.

Ein sakrales Bauwerk gibt es ebenfalls in Gingst zu sehen. Die Sankt-Jacob-Kirche ist ursprünglich um 1300 im spätgotischen Stil entstanden, aber notwendige Renovierungen zeigen deutlich barocke Züge. Interessant ist der massige Mittelturm mit dem halbrunden Kuppeldach und viereckigem Grundriss.

Hinter dieser Kirche erinnert eine gotische Stele an den ungeklärten Mord an einem Gingster Pfarrer. Das Pfarrhaus von Gingst ist eins der wenigen auf Rügen, die noch in ihrem Originalzustand erhalten sind. Es handelt sich im einen Fachwerkbau von 1738 mit einer interessanten Architektur.

Die Umgebung von Gingst ist – wie fast alle Regionen auf Rügen – großenteils geschützt. Die Landschaft zwischen dem Kapeller und dem Koselower See ist ein weitläufiges Terrain mit Wiesen und kleineren Waldstücken. Besonders die Moorlandschaften bieten der Vogelwelt beste Lebensbedingungen.

Ein wenig weiter nördlich von Gingst liegt die kleine Gemeinde Trent. Auch hier hat der Tourismus inzwischen Einzug gehalten, ebenso wie in den übrigen Ortschaften West-Rügens jedoch in einer sehr vorsichtigen und umweltverträglichen Form. In der Gemeinde Trent fallen die vergleichsweise vielen Gutshäuser auf. Libnitz ist eins davon und zeichnet sich durch besonders ausgedehnte Stallungen aus sowie ein Mausoleum nach antikem Vorbild.

Die Anfänge der Katharinenkirche von Trent stammen aus dem frühen 14. Jahrhundert. Allerdings entstand das heutige Langhaus erst zum Ende des 15. Jahrhunderts. Spätere Epochen drückten dem Gebäude ebenfalls ihren Stempel auf; so waren die Arbeiten am massigen Kirchturm erst im 17. Jahrhundert beendet. Demzufolge hat er keinerlei Ähnlichkeit mehr mit seinen schlanken Artgenossen der Gotik, sondern weist eindeutig barocke Elemente auf.

Auch der Altar stammt aus dem Barock. Das Schnitzwerk entstand im Jahr 1752 in Stralsund. Dagegen zeigt die Kanzel deutliche Züge der Renaissance.

Wem diese kulturellen Sehenswürdigkeiten weniger liegen, wird sich vielleicht an den Tetzitzer See zurückziehen. Er hat eine Fläche von knapp 570 Hektar und ist ein Randgebiet des Großen Jasmunder Bodden. An seinen Ufern und in der näheren Umgebung entwickelt sich ein Tourismus, wie er Naturfreunden zusagt. Zwar müssen die Urlauber keineswegs auf Komfort verzichten, aber es gibt fast ausnahmslos Pensionen oder kleine Häuser mit Ferienwohnungen.

Diese Region in West-Rügen ist zusammengefasst unter dem Begriff Naturschutzgebiet Tetzitzer See mit Halbinsel Liddow und Banzelvitzer Berge. Sie umfasst eine Fläche von insgesamt 1.088 Hektar. Damit zählt sie zwar zu den kleineren geschützten Bereichen Rügens, ist aber dennoch sehr bedeutsam. Denn die unterschiedlichen Formen mit diversen Wäldern, Salzwiesen, flachen Seen und sumpfigen Gebieten locken verschiedene Gänse- und Entenarten an, zudem finden sich hier zahllose Kraniche. Die Besucher dürfen auf vorgezeichneten Wanderwegen dieses Geschütze Gebiet auch betreten.