Der Süden Rügens

Bei Süd-Rügen handelt es sich um ein recht klar umrissenes Gebiet. Diese Region umfasst die Halbinsel im Südwesten Rügens, deren nördliche Begrenzung in etwa parallel zur südlichen verläuft, und zwar unter Einschluss von Putbus.

Der südliche Teil der Insel Rügen präsentiert sich weitaus weniger spektakulär als die übrigen Regionen. Hier sucht der Urlauber vergeblich nach angesagten Badeorten, wie sie speziell im Osten der Insel zu finden sind, auch die imposanten Steilküsten des Nordens fehlen hier. Und sogar die verträumten und idyllisch gelegenen Seen und Boddengewässer gibt es in Süd-Rügen kaum.

Stattdessen konzentrieren sich die Bewohner weitgehend auf die Landwirtschaft. Bekanntlich besitzt Rügen sehr fruchtbare Böden, die in vielen Gebieten der Insel aber zugunsten der Touristenströme brachliegen oder gar zugebaut sind. Also gibt es in Süd-Rügen viele Ackerflächen und Weiden, dazwischen kleine Waldstücke oder Pappelreihen. Auch Teiche und Bäche sorgen für Abwechslung im Erscheinungsbild.

Süd-Rügen lädt zu ganz einfachen Ferientagen ein – der Gast kann sich hier ganz auf sich selbst besinnen und die Schlichtheit einer intakten Natur genießen. Wandern, Radtouren, auch Ausflüge hoch zu Ross – das ist es, was mittlerweile immer mehr Touristen anzieht. Dennoch finden auch Freunde eines wenig überlaufenen Strandurlaubsgeeignete Stellen in Süd-Rügen. Speziell am Greifswalder Bodden gibt es nämlich naturbelassene Badestrände mit idyllischen Buchten und hervorragenden Möglichkeiten für Surfer.

Allerdings hat Rügens Süden dennoch ein paar architektonische Attraktionen zu bieten. Nahezu jede der (allerdings nicht allzu zahlreich vorhandenen) Ortschaften kann mit der einen oder anderen Sehenswürdigkeit aufwarten. Und hier in dieser eher schlichten Region endet das Rügener Teilstück der berühmten Deutschen Alleenstraße.

Rügendamm und Rügenbrücke

Der allergrößte Teil der Besucher Rügens gelangt über den Strelasund auf die Insel. Das ist die schmale Verbindung zwischen Stralsund auf dem Festland und der Hafenstadt Altefähr. Inzwischen gibt es mehrere Möglichkeiten: Der Rügendamm existiert in seiner heutigen Form bereits seit 1937, die Rügenbrücke seit 2007. Daneben transportieren regelmäßige Fährverbindungen Personen und Güter von und nach Rügen.

Der Rügendamm hat den Vorteil, dass ihn Autofahrer, die Bahn sowie Fußgänger und Radfahrer benutzen können. Der ganz klare Nachteil besteht darin, dass es immer wieder zu Staus entweder auf dem Wasser oder an den Abfertigungsstellen bei den Zufahrten zum Damm kam, weil eine hochgezogene Klappbrücke die Durchfahrt der Schiffe ermöglichen musste.

Bei der Rügenbrücke besteht diese Problematik nicht. Denn unter dem Bauwerk können die Schiffe ohne Wartezeiten ihren Weg fortsetzen. Das ist auch der Hauptgrund für den Brückenbau gewesen. Insgesamt gibt es drei Fahrspuren, von denen die mittlere nur bei Bedarf, also bei hohem Verkehrsaufkommen freigegeben wird. Fußgängern und Radlern ist die Nutzung der Rügenbrücke allerdings untersagt. Auch die Eisenbahn muss nach wie vor den Rügendamm benutzen.

Schon seit dem 12. Jahrhundert gibt es regelmäßige Schiffsverbindungen zwischen Rügen und dem Festland. Das Be- und Entladen kostete jedoch viel Zeit, und so gab es spätestens seit dem frühen 19. Jahrhundert Überlegungen zu einer festen Verbindung zwischen beiden Regionen. Mit der Eröffnung der Bahnstrecke zwischen Berlin und Stralsund im Jahr 1878 gab es Pläne für Trajekte, also für Fähren, die ganze Eisenbahnzüge aufnehmen konnten. Auch dabei gestaltete sich die Verladung als sehr zeitraubend. Speziell die Bahn befürwortete schließlich den Bau des späteren Rügendamms, und die Reichsbahndirektion in Stettin übernahm letztlich auch die Bauleitung.

Nach der Grundsteinlegung im Jahr 1931 sollten noch sechs Jahre bis zur Eröffnung vergehen. Während der Bauzeit kam dem Projekt der Freiwillige Reichsarbeitsdienst entgegen, durch den man einen großen Teil der Kosten einsparen konnte. Der Rügendamm ist so aufgebaut, dass sich zwischen dem Festland und Dänholm, also über dem Ziegelgraben, die Klappbrücke spannt, während erst danach der eigentliche Damm beginnt – insgesamt zehn Flutöffnungen für den ungehinderten Wasserdurchfluss waren ebenfalls eingeplant.

Nach starken Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg musste der Rügendamm komplett saniert werden. Auch in den Folgejahren kam es immer wieder zu Reparaturen und den notwendigen Wartungsarbeiten, die allerdings den Betrieb nicht beeinträchtigen.

Ortschaften in Süd-Rügen

Wer über die Rügenbrücke oder den Rügendamm auf die Insel gelangt, passiert den südlichen Teil Rügens meist nur zur Durchfahrt, um in die Seebäder im Osten oder an die faszinierende Steilküste im Norden zu gelangen. Allerdings sind auch einige der Städte im Süden Rügens mehr als nur eine Stippvisite wert.

Putbus ist eine davon. Die Kleinstadt mit gut 4.000 Einwohnern verdankt ihre Existenz der Laune oder auch dem Marketing ihres bekanntesten Sohnes. Im Jahr 1810 hatte Wilhelm Malte I., Fürst zu Putbus die Idee, dass sein im klassizistischen Stil erbautes Schloss nicht allein, sondern in einem großen Ganzen von öffentlichen Gebäuden und Privathäusern stehen sollte – eine neue Stadt war geboren. Putbus ist damit die jüngste Stadt Rügens überhaupt – die Umsetzung der fürstlichen Gedanken vollzog sich übrigens perfekt, wie das Erscheinungsbild heute zeigt.

Der Werbegedanke im Hintergrund war der, dass der Fürst in seiner Heimat ein Seebad errichten wollte, und zwar nach dem Vorbild von Bad Doberan mit seinen vorwiegend weißen Bauten im teils klassizistischen Stil. Ein Seebad musste damals nicht zwangsläufig am Meer liegen – heute trägt Bad Doberan den Titel eines Heilbades und Putbus den eines Erholungsortes. Aber damals war es das erste Seebad auf Rügen. Immerhin.

In der Goor, einem Waldstück etwa zwei Kilometer von Putbus entfernt und direkt am Greifswalder Bodden auf Rügen gelegen, ließ der Fürst ein prächtiges Badehaus errichten – im klassizistischen Stil, versteht sich. Es ist stolze 50 Meter lang und beeindruckt durch die von 18 schneeweißen Säulen begrenzte Halle im Frontbereich. Inzwischen beherbergt es ein Hotel.

Leider konnte sich der Fürst nicht lange an seinem Seebad erfreuen, da der Erfolg letztlich ausblieb. Das Baden in den flachen, brandungsarmen Gewässern war nicht nach dem Geschmack der Sommerfrischler – Binz & Co. liefen dem kleinen Städtchen langsam, aber sicher den Rang ab.

Mit den Ideen des Sozialismus war die Existenz eines Schlosses nicht vereinbar- die Machthaber ließen es abreißen. Die übrigen Gebäude jedoch überstanden die Phase der DDR-Jahrzehnte und erstrahlen seit den Sanierungsmaßnahmen nach der Wende wieder in ihrem alten Glanz.

Dass sich der Fürst zunächst seiner engsten Umgebung widmete, wäre verständlich, stimmt aber nicht. Denn im Jahr 1810 entstanden die ersten Bürgerhäuser – heute sind etliche Wohngebäude früherer Handwerker vor allem in der August-Bebel-Straße zu besichtigen.

Allerdings ließ er ab 1804 den Schlosspark nach französischem Vorbild anlegen, aber er wurde später zum englischen Landschaftspark. Er bietet ein beeindruckendes Bild mit seinen riesigen Mammutbäumen, den Rosskastanien, den Zedern und den Tulpenbäumen. Hier gibt es zudem ein Wildgehege.

In den 20er Jahren entstanden im Schlosspark die Orangerie und der Marstall, in den 30ern das Affen- und das Vogelhaus, Mitte der 40er die Schlosskirche und 1867 schließlich das Mausoleum.

Die eigentliche Orangerie im Schlosspark zu Putbus entstand nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel, für die heutige Ansicht ist jedoch ein anderer Berliner Architekt verantwortlich. Ursprünglich diente das Gebäude dazu, exotische Bäume auf das etwas rauere Klima Rügens vorzubereiten und die Kübelpflanzen im Winter zu schützen. Zudem fanden auch große Veranstaltungen statt. Heute dient das repräsentative Gebäude der Insel Rügen als Ausstellungsraum.

Das alte Marstall-Gebäude im Schlosspark von Putbus ließ der Fürst abreißen und in den frühen 1820er Jahren durch ein neues im klassizistischen Stil ersetzen. Obwohl er es fast ausschließlich als Pferdestall nutzte, verfügt es über schöne Rundbogenfenster und ebensolche Portale.

Bei der Schlosskirche handelt es sich um eine dreischiffige Basilika, die sich deutlich von den sonstigen Rügener Gotteshäusern unterscheidet. Während diese fast ausschließlich im (neu)gotischen Stil errichtet sind und meist aus Backsteinen bestehen, ist die Christuskirche im Putbusser Schlosspark dem Klassizismus verhaftet. Die eckige, symmetrische Front in der Form eines Stufengiebels mit dem eckigen Mittelturm sieht aber dennoch faszinierend aus.

Das Mausoleum ist das späteste Gebäude, das auf dem Gelände des Putbusser Schlossparks entstand. Da es 1867 fertig wurde, trägt es nicht mehr die Handschrift von Fürst Malte I., sondern die seines Nachfolgers Malte II. Daher fehlen hier die klassizistischen Elemente; stattdessen ist es in Anlehnung an die Neugotik errichtet.

Das Residenztheater befindet sich in Sichtweite des Schlossparks. Der ursprüngliche Bau um 1820 erfuhr bereits wenige Jahre später einige Veränderungen, die dem klassizistischen Gesamtbild aber keinen Abbruch tun. Im Gegenteil: Die jetzt angebauten Giebel vorne und seitlich verstärken in ihrer typischen Form diesen Eindruck.

Im Putbusser Residenztheater finden ausschließlich Gastvorstellungen statt. Sie sind teilweise über Rügen hinaus von Bedeutung.

Ganz nach dem Vorbild der römischen Antike ist der sogenannte Circus gestaltet. Diesen kreisrunden Platz ließ Fürst Malte I. so anlegen, dass nicht nur alle Straßen dort münden, sondern auch etliche Elemente des Altertums hier auftauchen. In der Mitte ragt ein Obelisk hervor, der von einer parkähnlichen Vegetation umgeben ist. Die schönen Gebäude am Putbusser Circus sind sehr gut renoviert und dienen heute anderen Zwecken. Nur im Pädagogium wird noch unterrichtet, allerdings ist der Lehrstoff im IT-Bereich angesiedelt.

Zwei besonders schöne Gotteshäuser sind in Putbus zu besichtigen, die lange vor der Einflussnahme von Fürst Malte I. entstanden sind. Die Sankt-Jacobi-Kirche im Ortsteil Kasnevitz stammt aus dem späten 14. Jahrhundert und ist somit der Gotik zuzurechnen. Dagegen handelt es sich bei der Maria-Magdalena-Kirche im Ortsteil Vilmnitz um einen spätromanischen Backsteinbau.

Eine ganz aktuelle Sehenswürdigkeit befindet sich an der Straße zwischen Putbus und Lauterbach: Das Haus-Kopfüber fesselt seit 2010 die Besucher dadurch, dass es als Einfamilienhaus auf dem Dachfirst steht, während der Fußboden in die Höhe ragt. Es ist komplett eingerichtet, wobei die Möbel auf dem eigentlichen Fußboden stehen, also in diesem Fall von der Decke herabhängen. Dadurch ist das Haus nicht bewohnbar, fasziniert aber jeden temporären Besucher.

Nur wenige Kilometer südwestlich von Putbus liegt Garz. Das Städtchen mit gut 2.300 Einwohnern ist stolz auf den Umstand, nicht nur die kleinste, sondern auch die älteste Stadt auf Rügen zu sein. Immerhin stammt die erste urkundliche Erwähnung bereits aus dem Jahr 1313; das Stadtrecht erhielten die Bürger 1319. Trotz dieses Umstandes hat sich hier das eher dörfliche Leben erhalten – sehr zur Freude der Urlauber.

Die Sehenswürdigkeiten von Graz im Süden von Rügen sind zwar großenteils neueren Datums, aber dafür nicht weniger beachtlich. Zu den ältesten zählt der slawische Burgwall Charenza. Er gehört zu den am besten erhaltenen seiner Art nicht nur auf Rügen, sondern in ganz Deutschland. Die drei Tempel existieren jedoch schon seit 1168 nicht mehr.

In der Mitte des 14. Jahrhunderts, also kurz nach der bedeutsamen ersten Erwähnung von Garz, entstand die Petrikirche. Das gotische Bauwerk aus Backsteinen erfuhr später weitreichende Veränderungen. Eine der augenfälligsten ist der flache Turm, der den 1648 zerstörten spitzen ersetzt.

Garz ist stolz auf seinen berühmten Bürger, den Schriftsteller Ernst Moritz Arndt. Sein Geburtshaus liegt im Ortsteil Groß Schoritz. Und zwar erblickte er im Jahr 1769 das Licht der Welt im Gutshaus eines dortigen Rittergutes. In dem schön gestalteten Gebäude von 1750 befindet sich heute ein Museum zu Eheren des bedeutenden Dichters. Zudem finden diverse kulturelle Veranstaltungen statt. Sehenswert ist auch der beschauliche Park mit der Mauer aus Feldsteinen.

Daneben existiert in Garz noch das eigentliche Ernst-Moritz-Arndt-Museum. Es befasst sich heute mit Literatur und Biografien ganz allgemein und erlebte seine Einweihung im Jahr 1937. Zunächst war es als Museum der Insel Rügen konzipiert, was zwangsläufig auch das Leben des Namengebers einschließt.

Zur Gemeinde Garz gehört auch Zudar, das den Eingang zur gleichnamigen Halbinsel bildet. Dieses Gebiet ist, wie die allermeisten Küstenabschnitte auf Rügen, sehr stark zerklüftet und umfasst eine Fläche von etwa 18 Quadratkilometern. Dadurch ergeben sich bei Spaziergängen auf der kleinen Halbinsel immer wieder spannende Ausblicke auf die umliegenden Ostseebereiche. Bei Palmer Ort auf Zudar befindet sich der südlichste Punkt der Insel Rügen – interessant für Freunde extrem gelegener Bereiche. Hier treffen der Greifswalder Bodden und der Strelasund zusammen. Die Küste verfügt über einen schönen Strandabschnitt, der aber allzu entlegen ist, um viel besucht zu sein. Bei Palmer Ort befindet sich ein kleines Waldstück mit einem Naturlehrpfad, der nicht nur Kindern allerlei Neues bietet.