Die Insel Hiddensee

Wer die Insel Hiddensee lediglich als Anhängsel von Rügen betrachtet, tut dem kleinen Eiland Unrecht. Gewiss, sowohl geografisch als auch aus Verwaltungssicht bilden beide Inseln eine Einheit. Hiddensee ist der großen Schwester im Nordwesten vorgelagert, und die kürzeste Fährverbindung führt auch von dort aus, nämlich von Schaprode. In den Sommermonaten legen aber auch von anderen Rügener Ortschaften Fähren ab. Zudem können Liebhaber einer Seefahrt sogar von Stralsund aus nach Hiddensee gelangen.

Obwohl Hiddensee mit einer Länge von knapp 17 Kilometern und einer Breite zwischen 250 Metern und weniger als vier Kilometern zu den kleineren Inseln zählt, verfügt es über eine abwechslungsreiche Naturlandschaft. Der Norden, genannt Dornbusch, ist leicht hügelig und liegt auf einer Höhe von insgesamt 70 Metern über dem Meer. Im Nordosten schließen sich zwei Nehrungen an mit einer Länge von jeweils etwa drei Kilometern. Sie heißen Alter und Neuer Bessin. Im Zentrum von Hiddensee flacht die Landschaft etwas ab und ist geprägt von Dünen und Heideflächen. Der südliche Bereich, der sogenannte Gellen, ist dagegen ganz eben.

So abwechslungsreich die Insel selbst ist, so unterschiedlich sind auch die umliegenden Gewässer: Im Westen und Norden erstreckt sich die Ostsee, während der Osten nach Rügen hin vom Schaproder und vom Vitter Bodden begrenzt ist. Die Fahrrinne nach Stralsund im Süden heißt Gellenstrom. Diese drei letztgenannten Gewässer zählen zwar ebenfalls zur Ostsee, erwecken aber wegen der vorgelagerten Landstriche eher den Eindruck von Binnenseen. Denn Brandung findet hier so gut wie nie statt, und das Wasser selbst ist auch ein wenig brackig.

Die Ortschaften auf Hiddensee


Die insgesamt 1.300 Einwohner von Hiddensee teilen sich auf drei Orte auf, die alle auf einer Linie von nur etwa acht Kilometer liegen. Sie sind sehr klein, haben aber jede ihre ganz eigenen Schönheiten zu bieten.

Vitte ist mit knapp 600 Einwohnern die größte Ortschaft auf Hiddensee. Als Vit bezeichnete man früher Verkaufsstellen für Fisch. Diese Tradition ist im Fährhafen immer noch lebendig: Hier liegen viele Fischerboote, die ihren frischen Fang auch direkt anbieten. Heute ist Vitte Sitz der Gemeindeverwaltung von Hiddensee. Demzufolge gibt es hier auch ein Rathaus. Daneben legen in Vitte auch die Versorgungsschiffe an mit den notwendigen Gütern für die Insel. Elektrofahrzeuge befördern diese Produkte anschließend  zu den Geschäften und Restaurants.

Vitte liegt malerisch am Rand der beindruckenden Heidelandschaft von Hiddensee. Die Häuser sind teils schneeweiß getüncht und mit Reetdächern gedeckt, teils handelt es sich um die ganz typischen Fischerkaten. Sogar kulturelle Schätze hat Vitte zu bieten: Ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten ist das Zeltkino; zudem gibt es ein kleines Figurentheater.

Das auffälligste Haus in Vitte ist die Blaue Scheune, so benannt nach dem Anstrich durch die Malerin Henni Lehmann, die es 1920 erwarb. Zuvor hatte es als Scheune, aber zugleich auch als Wohn- und Arbeitsbereich einer Bäckerfamilie gedient. Die Blaue Scheune ist deshalb aus architektonischer Sicht bedeutsam, weil sie das letzte noch erhaltene Rauchhaus darstellt. Es hatte also keinen Kamin; vielmehr zog der Rauch durch die Ritzen im Dach ab. Inzwischen dient das Gebäude einem zeitgenössischen Maler als Atelier und Galerie, die er für Interessenten öffnet.

Henni Lehmann selbst bewohnte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein eigenes Haus, das heute ihren Namen trägt. Zwischenzeitlich diente es als Rathaus, aber mittlerweile finden hier Ausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen statt.

Vitte ist nicht nur Sitz der Gemeindeverwaltung, sondern versteht sich auch als Zentrum des Naturschutzes auf Hiddensee. Das Nationalparkhaus zeigt eine spannende Dauerausstellung zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft allgemein und zu Hiddensee speziell.

Das genaue Gegenstück zum lebhaften Vitte ist Grieben. Es ist nicht nur das nördlichste Dorf auf Hiddensee, sondern auch das älteste und kleinste. Es gibt weder einen eigenen Hafen noch geteerte Straßen. Die zauberhaften Häuser sind fast alle weiß und reetgedeckt. Aus der Zeit der Besiedlung durch die Slawen gibt es in Grieben noch uralte Feldsteinmauern.

Mittlerweile ist Grieben ein Ortsteil von Kloster, hat sich aber dennoch seinen ursprünglichen Charme bewahrt.

Kloster, die ehemalige Künstlerkolonie,  gilt nicht nur als kulturelles Zentrum der Insel Hiddensee, sondern beherbergt auch eine Vogelwarte sowie eine biologische Forschungsstation, beides Außenstellen der Universität Greifswald. Ganz in der Nähe liegt der Dornbusch mit dem Hiddenseer Leuchtturm. Er misst zwar lediglich 28 Meter, da er aber bereits auf einer Anhöhe liegt, ragt er 95 Meter in die Höhe.

Der Leuchtturm stammt von 1888 und bestand ursprünglich aus Ziegeln. Seit Renovierungsarbeiten Ende der 1920er Jahre ist er mit einem weißen Mantel aus Stahlbeton umhüllt. 102 Stufen führen die Besucher zur Aussichtsplattform in 20 Metern Höhe. Die sollte jeder erklimmen, denn von oben werden die Mühen mit einem grandiosen Fernblick belohnt.

Kloster hat seinen Namen tatsächlich von einem Orden: Im Mittelalter lebten und wirkten hier 24 Zisterzienser, die den Grundstein für die Hiddenseer Landwirtschaft legten. Von dem Gebäude ist nichts mehr erhalten. Lediglich die Inselkirche ist ein Relikt aus dieser Zeit. Sie entstand bereits 1332. Der Bau erinnert eher an ein Wohnhaus als an eine Kirche. Denn er ist weiß gestrichen und besitzt keinen aufragenden Turm. Im Gegenteil: Der Glockenstuhl ist um 1700 als niedriges Häuschen mit Spitzdach vor das Gotteshaus gesetzt worden.

Im Inneren der Inselkirche Hiddensee fallen die barocken Elemente auf. Der Kanzelaltar und das Taufbecken mit Engel stammen von 1780. Die übrige Einrichtung ist neueren Datums; die meisten Teile brachte man im 20. Jahrhundert ein.

Gerhard Hauptmann verbrachte lange Jahre jeden Sommer auf Hiddensee, wo er auch ein Haus besaß. Dieses Haus Seedorn ist heute noch im Originalzustand erhalten und beherbergt inzwischen ein Museum. Zudem bietet es das passende Ambiente für viele kulturelle Veranstaltungen. Das Grab des Schriftstellers kann man auf dem Inselfriedhof in Kloster auf Hiddensee besuchen.

Die Lietzenburg ist eine Villa in Kloster, die sich der Maler Oskar Kruse zu Beginn des 20.
Jahrhunderts bauen ließ. Der Sockel besteht aus Findlingen, der Rest ist aus Ziegeln gemauert. Trotz dieser recht kompakten Bauweise ist das Haus ein schönes Beispiel für den Jugendstil, vor allem im Inneren. Nach verschiedenen Eigentümerwechseln – die direkten Erben des Malers führten es als gastliches Haus für Künstler aller Bereiche – wird es künftig als Galerie und Kunstmuseum dienen.

In Kloster befindet sich auch das Heimatmuseum von Hiddensee. Mehr als 4.500 Exponate sind hier zusammengetragen – Akten, dazu Bildmaterial und eine ansehnliche Bibliothek. Wer sich für die Geschichte Hiddensees interessiert, sollte unbedingt das Heimatmuseum besuchen.

Der südlichste in der Reihe der vier Hiddenseer Orte ist Neuendorf. Das Dorf ist dadurch gekennzeichnet, dass die einzelnen Wohnhäuser mitten auf den Wiesen stehen. Sie sind somit auch nur über das Gras und nicht über Fußwege zu erreichen. Die Anlage der Wohnhäuser lässt auf ein sehr gutes nachbarschaftliches Verhältnis schließen; denn Zäune oder andere Begrenzungen fehlen vollkommen.

Das gesamte Dorf steht unter Denkmalschutz; es ist zu hoffen, dass die weiß getünchten Häuser mit ihren Reetdächern noch lange erhalten bleiben.

Aber eine ganz andere Gefahr, nämlich die aus dem Meer, bedroht nicht etwa nur Neuendorf, sondern vor allem auch die Landzunge südlich davon. Der sogenannte Gellen ist heute ein Vogelschutzgebiet ersten Ranges – menschliche Besucher sind nicht zugelassen. Im Jahr 1864 kam es zu einer schweren Sturmflut, in deren Verlauf dieser südliche Zipfel beinahe vollständig abgetrennt wurde. Inzwischen sorgen umfangreiche Baumaßnahmen dafür, dass er dennoch mit Hiddensee verbunden bleibt.

Auf dem Gellen ist ein zwölf Meter hohes Leuchtfeuer zu sehen, das 1950 entstand. Noch weiter in die Vergangenheit gehen die Besucher des Fischereimuseums Lütt Partie in Neuendorf. Die Interessenten sind hier nicht allein mit den Exponaten und den Beschreibungen, sondern Fischer stehen bereit und erklären die einzelnen Stücke – vermutlich auch mit einer Portion Seemannsgarn gewürzt.

Hiddenseer Spezialitäten


Wer eine Insel besucht, erwartet frischen Fisch, und wird auf Hiddensee keineswegs enttäuscht. In den Restaurants, aber auch am Strand gibt es immer wieder die frisch geräucherten Köstlichkeiten. Bei den Fischgerichten dominiert der Hiddenseer Schmor-Aal in unzähligen Varianten die Speisekarten. Daneben findet auch der Boddenzander mehr und mehr Anhänger.

Hiddensee ist auch bekannt für seinen Reichtum an Sanddorn. Die vielen freien Flächen sind ideal für die dornigen Sträucher. Die orangefarbigen Früchte sind äußerst vitaminreich, allerdings roh so gut wie ungenießbar. Sogar Gelees, Marmeladen und Likören verleihen sie eine herb-säuerliche Note, die bei vielen Menschen besonders beliebt ist.