Historische Entwicklung der Insel Rügen

Unser historischer Abriss der Insel Rügen erhebt keineswegs den Anspruch, den Ansprüchen von Historikern zu genügen. Auf der anderen Seite halten wir ein paar geschichtliche Fakten für notwendig; schließlich hat jede Epoche aus der langen Inselgeschichte ihre deutlichen Spuren hinterlassen. Auch die Rügen-Besucher, die eher im Hier und Jetzt leben, stoßen allerorten auf Denkmäler aus der Vergangenheit.

Spätestens in den Jahren zwischen 3.000 und 1.800 v. Chr. war Rügen bereits besiedelt, vermutlich jedoch schon viel früher. Denn aus dieser Zeit sind imposante Opfersteine und Großsteingräber erhalten. Letztere sind so aufgebaut, dass ein Rund aus großen Steinblöcken mit einem Findling zugedeckt ist. Forscher haben einige davon bereits untersucht – das Pfenniggrab etwa liegt ganz in der Nähe von Hagen in Richtung Königsstuhl. Der Weg zu dessen Aussichtsplattform führt übrigens über ein Hügelgrab aus der Bronzezeit. Als größtes Hügelgrab auf Rügen gilt jedoch das Dobberworth bei Sagard.

Ostgermanische und westslawische Siedler auf Rügen

In der Zeit um Christi Geburt siedelten auf Rügen kurzzeitig die ostgermanischen Rugier, die der Insel immerhin ihren Namen daließen. Im Zuge der Völkerwanderung zogen sie aber schon bald weiter südwärts. Ihren Platz nahmen die westslawischen Ranen ein, auch Rujanen genannt, die sich ab etwa 400 n. Chr. auf Rügen niederließen. Sie entwickelten sich zu einem sehr wehrhaften Volk, das seine Blütezeit ab dem 7. Jahrhundert hatte. Bekannt sind sie hauptsächlich für ihre ansehnlichen Befestigungsanlagen und ihren Götterkult. Die Tempelburg Arkona, am heutigen gleichnamigen Kap auf Rügen gelegen, war dem Gott Svantovit geweiht und diente den Westslawen auch überregional als das Heiligtum schlechthin. Leider ist fast der gesamte Tempel den Erosionen und Küstenabbrüchen zum Opfer gefallen; aber immerhin konnten Archäologen einen Teil vor dem Untergang bewahren. Auch die Wälle zum Schutz vor Angreifern vom Land her sind erhalten.

Die Ranen waren hervorragende Seefahrer und breiteten sich auch an den Küsten der Nachbarländer aus. Während ihr geistiges Zentrum die Tempelburg Arkona war, hatten sie ihren weltlichen Mittelpunkt in Charenza, vermutlich dem heutigen Garz im Süden von Rügen. Und das Zentrum für ihre Handelsunternehmungen schließlich war Ralswieck im Süden des Großen Jasmunder Bodden. Wie man sieht, hatten die Ranen die Insel Rügen fest im Griff und nutzten all ihre strategisch günstigen Vorteile.

Nach der Christianisierung der Insel Rügen

Jahrhundertelang konnten die Ranen den Angriffen der Nachbarn Rügens widerstehen. Aber zum Ende des 12. Jahrhunderts gelang es den Dänen endlich, die begehrte Insel einzunehmen – sie stand fortan unter dänischer Lehnshoheit. Fast zeitgleich beendeten sie die religiöse Vormachtstellung der heidnischen Götter und gründeten christliche Klöster, so etwa das in Bergen aus dem Jahr 1193 oder das von Eldena sechs Jahre später. Zudem holten sie deutsche Kolonisten nach Rügen, die einen so großen Einfluss auf das Inselleben ausübten, dass die Ranen ihre Eigenständigkeit nicht mehr behaupten konnten.

Viele Streitigkeiten und vermeintlich geschickte Verträge sorgten dafür, dass Rügen ab der Mitte des 14. Jahrhunderts zu Pommern gehörte. Allerdings nur für kurze Zeit, denn bereits mit dem Ende des 30-jährigens Kriegs, als das pommersche Fürstenhaus ausstarb, erhielt Schweden den Zuschlag für Rügen. Die Preußen, die schon lange ein Auge auf die pommerschen Besitzungen geworfen hatten, waren letztlich erst im Wiener Kongress erfolgreich, als sie endlich die Provinz Pommern und damit auch Rügen zu ihren Besitzungen zählen konnten.

In deren Oberhoheit fallen etliche wichtige Maßnahmen. Mit der infrastrukturellen Erschließung Rügens, speziell durch ein recht dichtes Eisenbahnnetz, und die Gründung der ersten Seebäder setzten die Preußen auf der Insel Rügen Zeichen, die bis heute von Bedeutung sind. Als erstes Ostseebad auf Rügen gilt übrigens Putbus, das sein Bestehen einem Erlass von Fürst Malte I. im Jahr 1816 verdankt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Sassnitz zum wichtigsten Seebad auf Rügen, wobei wenig später sein Hafen neben der Personenbeförderung auch zur Verschiffung der inzwischen abgebauten Kreide an Bedeutung gewann.

Die Insel Rügen unter den Nazis

Bekanntlich begannen überall in Deutschland schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erste touristische Entwicklungen, die sich zur Wende zum 20. festigten. Auch im Dritten Reich verreisten die Menschen, selbstverständlich ausschließlich innerhalb der deutschen Grenzen. Dem Regime war es allerdings lieber, sein Volk auch während der Ferienzeit beaufsichtigen zu können. Das war einer der Gründe für die Bewegung Kraft durch Freude. An vielen beliebten Urlaubsorten entstanden Einrichtungen und ganze Wohnblöcke speziell für Deutsche, die auch in den Ferien der Propaganda ausgesetzt sein sollten.

Auf Rügen trieb dieser Wunsch in Verbindung mit dem bekannten Größenwahn der Nazis seltsame Blüten. Denn zwischen 1933 und 1939 fanden intensive Bauarbeiten für ein komplettes Seebad statt. Prora liegt zwischen Binz und Sassnitz; bekannt ist es wegen des ungeheuerlichen Wohnkomplexes, in dem Raum für 20.000 Urlauber entstehen sollte. Das bombastische Äußere wurde fertig, allerdings beendete der Zweite Weltkrieg die Baumaßnahmen im Inneren. Übrig ist ein Komplex aus mehreren identischen Wohnblocks, der sich über fast fünf Kilometer hinweg am Stand entlangzieht. Auf diese Weise sollten alle 10.000 Zimmer Meerblick haben – immerhin!

Aus welchem Grund auch immer ist dieser Koloss von Prora inzwischen ein geschütztes  Baudenkmal, mit dem niemand so recht etwas anzufangen wusste. Zumindest ein kleiner Teil davon dient jedoch seit 2011 als Jugendherberge.

Die Insel Rügen während des DDR-Regimes

Mit den Grundlagen des Sozialismus waren die vielen privaten Hotels und Kureinrichtungen auf Rügen nicht mehr vereinbar. Ulbricht ließ im Februar 1953, offenbar nach einem Besuch auf Rügen, alle privaten Betriebe schließen, indem er kurzerhand deren Betreiber unter fadenscheinigen Gründen verhaften ließ. Die so gewonnenen Gebäude sollten fortan dem FDGB dienen, was in späterer Zeit tatsächlich geschah. Zunächst waren kasernierte Soldaten der Volkspolizei dort untergebracht.

Nach diesem Schlag endete zunächst der Tourismus auf Rügen, lebte jedoch schon bald wieder auf, wenn auch in völlig anderer Form. Denn der FDGB bemächtigte sich schließlich der freien Hotels und Pensionen. Sie dienten dazu, bewährten Regimetreuen einen Urlaub für kleines Geld, aber in herrlicher Umgebung zu ermöglichen. Daneben gab es auch viele Zeltplätze – bekanntlich waren die Ostdeutschen ein zeltfreudiges Volk.

Rügen heute

Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und der politischen Wende begann das Leben auf Rügen zu pulsieren. Die Einwohner selbst erkannten und nutzten die vielfältigen Möglichkeiten, ihre schöne Insel Urlaubern zu präsentieren, mit der Folge, dass eine rege Bautätigkeit einsetzte. Viele ehemalige Hotel– und Pensionseigentümer konnten ihre zuvor enteigneten Häuser wieder in Besitz nehmen und auf diese Weise vom großen Tourismus profitieren. Auch Investoren vor allem aus dem Westen Deutschlands ließen sich auf Rügen nieder. Sie übernahmen oder gründeten Betriebe aus unterschiedlichen Wirtschaftszweigen.

Die Regierungen Mecklenburg-Vorpommerns sowie des Bundes unterstützten diese Aufbruchstimmung, indem sie reichlich Fördergelder bereitstellten. Zum Glück besannen sich alle sehr schnell auf einen sanften Tourismus. Selbst in den Hochburgen des Fremdenverkehrs, also in den berühmten Seebädern an der Südostküste Rügens, gibt es keine erdrückenden Bettenburgen. Im Gegenteil: Diese Orte bestechen durch ihre liebevoll und sehr gelungen restaurierten Prachtvillen aus der Zeit um 1900. 

Auch die übrigen Regionen sind so gestaltet, dass die Feriengäste zwar die Schönheiten der Landschaften genießen können, die aber weitgehend geschont bleiben. Dazu wurden nahezu alle Teile Rügens in irgendeiner Form zu Naturschutzgebieten erklärt. Es gibt kaum einen anderen Teil Deutschlands mit einer annähernd so großen Dichte an geschützten Flächen, wie Rügen sie bietet. Beinahe die gesamte Insel steht unter Naturschutz – sehr zum Segen von seltenen Pflanzen und Tieren, die sich in diesen ganz eigenen Gebieten besonders gut entwickeln können.